17.12.2009/ SD
Meilenstein der Gewerkschaftskooperation bei Siemens

Bei einem Treffen im indischen Mumbai legten Mitte Dezember Vertreter indischer Gewerkschaften und Siemens-Betriebsräte, des europäischen Siemens-Betriebsrats, der IG Metall, des internationalen Metallarbeiterbunds, der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung den Grundstein für eine globale Kooperation.

Gruppenbild der Konferenzteilnehmer
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Nachfolgend eine Zusammenfassung aus Aufzeichnungen mehrerer Teilnehmer:

Etablierung globaler Gewerkschafts-beziehungen bei Siemens

Das Treffen von Gewerkschaftsvertretern bei Siemens India kann als wichtiger Meilenstein bei der Etablierung globaler Gewerkschaftsbeziehungen bei Siemens gewertet werden. Auf mehreren Ebenen wurden dabei wichtige Schritte in Richtung einer grenzüberschreitenden Vernetzung von Gewerkschaften gemacht. Die Teilnehmergruppe setzte sich neben ca. 20 Kollegen indischer Gewerkschaften bei Siemens aus Werner Moenius, Vorsitzender des Siemens Europe Committee und Gesamtbetriebsratsmitglied, dem Siemens-Betreuer der IG Metall Dieter Scheitor, Robert Steiert als Vertreter des IMB, Pravin Sina als Vertreter der Friedrich Ebert Stiftung Indien sowie den wissenschaftlichen Begleitern des ISF Andreas Boes und Tobias Kaempf zusammen.

"Starthilfe" für indische Gewerkschaftsvertreter

Von großer Bedeutung war es, dass sich die Vertreter indischer Gewerkschaften bei Siemens gegenseitig kennengelernt haben. Ein vergleichbares Treffen hat es bislang noch nie gegeben; die Gewerkschaften sind oft nicht nur politisch 'zersplittert', sondern aufgrund der großen Entfernungen im Land auch räumlich. Ihre Aktivitäten beschränkten sich daher häufig auf einzelne Betriebe, ohne übergreifende organisatorische und politische Koordinierung. Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiger Fortschritt, mit dem Treffen eine Grundlage für die nationale Zusammenarbeit der Gewerkschaften bei Siemens India geschaffen zu haben, wie die beteiligten indischen Gewerkschafter betonten. Ein nun gebildetes Komitee soll schon ab Januar 2010 stabile, landesweite Strukturen der gewerkschaftlichen Zusammenarbeit organisieren.

Basis für globales Kooperationsgefüge

Mit dem Austausch und der Zusammenarbeit zwischen deutschen und indischen Gewerkschaften wurde gleichfalls die Basis für ein globales Kooperationsgefüge geschaffen, angesichts der globalen Handlungsfähigkeit von Unternehmen wie Siemens von großer strategischer Bedeutung für die Gewerkschaften. Mit einem Ansatz wie diesem wird vermieden, die Folgen der Globalisierung auf die Verlagerung von Arbeitsplätzen zu reduzieren, was letztlich oft in einem Wettbewerb um die eigenen Arbeitsplätze vor Ort zu resultieren droht. Weltweite Solidaritätsstrukturen können entscheidend dazu beitragen, diesen für alle beteiligten Arbeitnehmervertretungen kontraproduktiven Effekt zu verhindern.

Globale Unterbietungswettbewerbe eindämmen

Deutsche Gewerkschaften und Interessenvertretungen können die Organisierungsbemühungen in Ländern wie Indien aufgrund ihrer höheren Einflussmöglichkeiten beispielsweise mit Blick auf die Einhaltung sozialer Mindeststandards und die ungehinderte Entfaltung gewerkschaftlicher Organisierung unterstützen. Das Treffen in Mumbai lieferte in dieser Hinsicht wichtige Impulse, etwa durch die Vereinbarung, dass IG Metall und Siemens-Gesamtbetriebsrat auch in Deutschland auf einen fairen Umgang mit den Gewerkschaften bei Siemens India hinarbeiten. Das liegt letztlich auch in ihrem eigenen Interesse: Werden gewerkschaftliche Einflüsse vor Ort eingeengt und behindert, erweitert dies die Chancen des Unternehmens, einen globalen Unterbietungswettbewerb zu nutzen.

Strategische Behinderung gewerkschaftlicher Organisierung

Bei Siemens India ist nach Einschätzung der deutschen Teilnehmer eine Strategie erkennbar, den gewerkschaftlichen Einflussbereich auf allen Ebenen zu behindern. Ein Beispiel dafür ist die verbreitete, arbeitsinhaltlich unbegründete Klassifizierung von Arbeitern als so genannte 'Officer'. Da es nach indischem Arbeitsrecht eigentlich nur zwei Kategorien für Beschäftigte gibt (Arbeiter und Manager), versucht man mit den 'Officers' eine Art Grauzone zu schaffen - gewerkschaftliche Organisation nämlich ist nur den Arbeitern erlaubt. 'Officer' verdienen also zwar mehr, sind jedoch wirksam vom Organisationsbereich der Gewerkschaften ausgeschlossen. Obwohl diese Praxis bereits vor Gericht in erster Instanz untersagt wurde, wird sie von Siemens India weiter verfolgt, solange der Rechtsweg noch nicht beendet ist.

Die Teilnehmer des Treffens vermuten angesichts ihrer Informationen dahinter gezielte Bemühungen des Unternehmens, da in Betrieben wie dem Transformatorenwerk in Thane mittlerweile alle Beschäftigten als 'Officer' eingestuft sind. Das Fazit: "Gerade in den strategisch wichtigen und modernen Werken in Indien, die vergleichbar sind mit den europäischen Standorten und mit ihnen um Aufträge konkurrieren, drohen so 'gewerkschaftsfreie Zonen' zu entstehen, die einem weltweiten 'Unterbietungswettbewerb' weiter Vorschub leisten könnten.

Konkreter Ansatz einer gemeinsamen Initiative

Die verstärkte Zusammenarbeit ist in dieser Lage eine Antwort auf Versuche der Unternehmen, Globalisierung im Sinne einer Verlagerung von Arbeit in gewerkschaftsfreie Zonen zu gestalten. Das Treffen diente unter diesem Aspekt nicht nur dem gegenseitigen Kennenlernen, sondern stellt einen konkreten Ansatz dar, mit einer gemeinsamen Initiative gewerkschaftsfeindlichen Praktiken in allen Ländern zu begegnen.


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