20.07.2011/ HR
Niedriglohnsektor "Armutszeugnis für die Politik"

Die IG Metall hat die Auswüchse des Niedriglohnsektors als Armutszeugnis für die Politik bezeichnet. "Wenn Arbeit zur Ramschware wird, hat die Politik eindeutig versagt. Wir brauchen eine faire Ordnung auf dem Arbeitsmarkt. Wenn von 40 Millionen Erwerbstätigen sieben Millionen in Minijobs arbeiten, hat die Politik die Reformschraube überdreht", kritisiert ihr erster Vorsitzender Berthold Huber.

Eindeutige Fehlentwicklung

Huber erklärte am Dienstag in Frankfurt, dass angesichts der immer wachsenden Kluft zwischen atypischer, prekärer Beschäftigung und tariflich geregelten Bereichen eine Regulierung des Arbeitsmarktes überfällig ist: "Wenn Minijobs, Befristungen, Leiharbeit und Teilzeit den Arbeitsmarkt zu 75 Prozent wachsen lassen, wir aber gleichzeitig sehen, dass die Menschen nicht gleichberechtigt am Aufschwung teilhaben, ist das eine eindeutige Fehlentwicklung."

Arbeitsmarkt mit atypischer Beschäftigung beflügelt

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden hatte zuvor mitgeteilt, Zeitarbeit und befristete Jobs hätten im vergangenen Jahr die Belebung auf dem deutschen Arbeitsmarkt entscheidend getrieben. Konkret trug atypische Beschäftigung über 75 Prozent zum Wachstum auf dem Arbeitsmarkt bei, die Anzahl von Menschen mit Mini-, Teilzeit- oder befristeten Jobs und LeiharbeitnehmerInnen stieg um 243.000 auf 7,84 Millionen.

Keine prekäre Fachkräftebasis

Huber betonte, dass sich mit derartigen prekären Beschäftigungsarten allein keine Fachkräftebasis sichern lässt. Mehr Regulierung bedeutet nach Auffassung der IG Metall nicht etwa weniger Wirtschaftswachstum, sondern vor allem mehr Sicherheit. Die Bundesregierung hat ihre Hausaufgaben bei der Schieflage der Einkommen noch nicht gemacht: "Wir brauchen endlich Equal-Pay in der Leiharbeit und flächendeckende Mindestlöhne."

Positive Effekte

Die entsprechenden Maßnahmen würden dabei mehrere Effekte gleichzeitig erzielen. Zum einen erhielten die Bezieher niedriger Einkommen mehr Geld und beleben damit die Binnenkonjunktur; zum anderen würden die Gleichstellung von Leiharbeitern und allgemeinverbindliche Mindestlöhne den Steuerzahler nichts kosten und sich obendrein positiv auf die strapazierten Sozialversicherungssysteme auswirken.

Als konkretes Beispiel nannte Huber die niedrigste Entgeltgruppe der Metall- und Elektroindustrie. Nachdem die Tariflöhne und -gehälter allein seit dem Jahr 2000 nominal um über ein Viertel gewachsen sind, beträgt der Unterschied zwischen Tariflöhnen und denen von Leiharbeitern in dieser Gruppe 776,50 Euro monatlich.


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