Siemens Dialog der IG Metall
22.11.2012/ HR
Klare Worte ans Management

An zweiten Tag ihrer Versammlung richtete sich Jürgen Kerner, geschäftsführendes IG Metall-Vorstandsmitglied und Siemens-Aufsichtsrat, mit klaren Vorstellungen an die Siemens-Betriebsräte. Ebenso klare, aber vermutlich deutlich unwillkommenere Worte gab es jedoch auch ans Management, in Berlin vertreten durch Personalvorstand Brigitte Ederer.

Vision ...

Kerner skizzierte zuerst eine Vision, unter der Bezeichnung "Siemens 2020" eine Art weitgeführten Gegenentwurf zu "Siemens 2014":  Siemens als weltweit unangefochtener Technologieführer, gleichzeitig profitabel und nachhaltig; sinnvoll integrierte Prozesse, zufriedene Kunden, und durch eine tief verwurzelte Vertrauenskultur eigenverantwortlich, motiviert und zielgerichtet handelnde Beschäftigte. Widerspruch von der Arbeitsdirektorin gab es auf Nachfrage nicht.

... und Wirklichkeit

Weniger rosig stellt sich bekanntlich die Realität dar, die Kerner der Vision gegenüberstellte: Der Umbau zum grünen Konzern stößt auf Stolpersteine in Sachen Energiewende, etliche Probleme rufen Kritik bei Medien und Analysten hervor. Nun müsste eigentlich ein strategisches Managements mit nachhaltigen Ziele und Wachstum auf den Plan treten - tut es aber nicht, so Kerners Einschätzung: "Anstatt anzupacken ist das Management damit beschäftigt, von seiner eigenen Verantwortung abzulenken."

Personalkosten: Knüppel aus dem Sack

Wieder einmal nämlich reduziert sich, so Kerner, die Reaktion der Verantwortlichen im wesentlichen darauf, an Portfolio und Personalkosten herumzuschrauben: "Und unter 'Herumschrauben' verstehen sie, die Margenschraube noch fester zu zudrehen." Damit einhergehende Ausgliederungen in Deutschland und immense Zukäufe anderenorts lehnt die IG Metall auch aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen heraus entschieden ab; als "eigentliches Desaster" jedoch bezeichnete Kerner den Druck auf die Personalkosten: "Die Katze - oder besser gesagt: der Knüppel - ist ja jetzt aus dem Sack: Wir bekommen es mit einem massiven Stellenstreichungsprogramm zu tun. [...] Da helfen auch beschönigende Wortschöpfungen wie 'Kosteneffizienzprogramm' nichts."

Kerner betonte, dass die IG Metall Verbesserungen von Strukturen und Prozessen grundsätzlich begrüßt, aber: "Die Konzernspitze kann sich nicht in der Öffentlichkeit hinstellen und verkünden, 'Entlassungen sind nicht unser Ansatz' - und dann die Beschäftigten alleine lassen. Die IG Metall wird das nicht hinnehmen!" In diesem Zusammenhang wandte er sich unmittelbar an Arbeitsdirektorin Ederer: "Das Standort- und Beschäftigungssicherungsabkommen schützt erst einmal. Aber Radolfzell II stößt angesichts der Dimension auch an Grenzen. Deshalb sind ergänzende und neue Instrumente und Werkzeuge dringend notwendig." Aus dieser Überzeugung heraus formulierte er Forderungen wie eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive und attraktive Ausstiegsmodelle über Altersteilzeit. Solche Maßnahmen werden den Beschäftigten jedoch nicht in den Schoß fallen: "Wir müssen und wir werden uns auf eine harte Auseinandersetzung einstellen."

Mensch vor Marge

Abschließend ging Kerner auf die Bedeutung von Mitbestimmung und Interessenvertretung bei Siemens ein. Menschen und ihre Arbeit sind die Voraussetzung jedes wirtschaftlichen Erfolges. Durch den gnadenlosen Wettbewerb in einer globalisierten Welt geraten diese Menschen unter den Druck betriebswirtschaftlicher Kennziffern. IG Metall und Betriebsräte müssen hier einen Gegenpol bilden: "Im Mittelpunkt der Unternehmensstrategie muss eindeutig der Mensch stehen, der Mensch und seine Arbeit als Quelle des wirtschaftlichen Erfolgs."


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