27.01.2017/ SD
Siemens und Zwangsarbeit: Das Unerklärliche erlebbar machen

Eine Gedenktafel erinnert im Berliner Siemens-Verwaltungsgebäude an die Zwangsarbeiter, die zwischen 1943 und 1945 für Siemens arbeiten mussten. Die Tafel ist Beleg für ein aktives Erinnern; und einen Richtungswechsel im Konzern. Im Projekt siemens@ravensbrück gehen Auszubildende in die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Ravensbrück auf Spurensuche. Danach ist für die meisten von ihnen Vieles anders.

Mauer der Nationen im ehemaligen KZ Ravensbrück (Foto: Privatarchiv Norbert Radtke)

Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz und Auschwitz-Birkenau. Seit 1996 ist dieser 27.1. ein gesetzlich verankerter Gedenktag, an dem der Opfer des Holocaust gedacht wird.

In den 1990er Jahren gab es eine enorme Zunahme von antisemitischen und ausländerfeindlichen Anfeindungen und Übergriffen in Deutschland. Damals starteten Betriebsräte und die Berliner Leitung von Siemens das Projekt Gesicht zeigen gegen Diskriminierung. „Gemeinsam haben wir öffentlich Farbe bekannt – für Toleranz, Demokratie und Courage, ohne die Demokratie nicht funktionieren kann“, erinnert sich Wolfgang Walter, bis 2016 Betriebsratsvorsitzender im Siemens Meßgerätewerk Berlin.

Diese Zusammenarbeit hat bei Betriebsräten wie Betriebsleitung das Vertrauen für ähnliche Aktionen gestärkt. Im Kreis der Berliner Betriebsrats¬vorsitzenden von Siemens war man sich damals schnell einig, dieses betriebliche Engagement für Grundwerte zu verstetigen. „Und hier“, so Wolfgang Walter, „kam Ravensbrück ins Spiel.“

Ravensbrück liegt rund 60 km nördlich von Berlin. Dort befand sich das größte Konzentrations¬lager für Frauen während der Nazidiktatur. Zugleich war es der Ort, an dem ab 1942 bis zur Befreiung 1945 mehrere tausend Frauen in einem gesonderten Areal, dem sogenannten „Siemens¬lager“, Zwangsarbeit für Siemens leisten mussten. In zwanzig eigens nach Siemens-Plänen errichteten Fabrikhallen wurden kriegswichtige Rüstungsgüter hergestellt. Ravensbrück war nur ein Ort von mehreren, an denen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für Siemens schufteten. Insgesamt arbeiteten zwischen 1940 und 1945 rund 120.000 Männer und Frauen unter Zwang für Siemens, darunter Juden, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, zur Arbeit Verschleppte und Abkommandierte sowie – nach vorsichtigen Schätzungen – etwa 5.000 Häftlinge aus Konzentrationslagern.

Lange Zeit hatte Siemens sich mit diesem dunklen Kapitel schwer getan. Seit 1997 erinnert im Innenhof des Berliner Siemens-Verwaltungsgebäudes eine Gedenktafel „an die vielen Mitmenschen, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges gegen ihren Willen für Siemens arbeiten mussten“. Die Aufstellung im Rahmen der 150-Jahr-Feier Siemens ist Ausdruck eines Richtungswechsels des Konzerns, der sich in den darauffolgenden Jahren Zug um Zug zu einem offeneren und gewissermaßen selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte durchgerungen hat. Für den Wandel war nicht nur der internationale Druck ehemaliger Zwangsarbeiter maßgeblich; auch bei den Akteuren in den Betrieben und Zentralen, bei Leitungen und Betriebsräten entwickelte sich ein neues Selbstverständnis und beförderte den Wandel.

Vor diesem Hintergrund stieß auch die Erinnerungsarbeit der Berliner Betriebsräte auf offene Ohren. „Wie aber kann diese Geschichte wachgerufen werden? Wie kann vor ihrem Hintergrund die Bedeutung von Grundwerten wie Würde und Freiheit für heutiges Leben und Arbeiten herausgestellt werden? Wen im Betrieb will man vornehmlich erreichen, haben wir uns im Betriebsrat damals gefragt“, erzählt Wolfgang Walter. In Zusammenarbeit mit der Berliner Leitung, der Werner-von-Siemens-Werkberufsschule, dem Siemens-Archiv sowie der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück entstand das Projekt "siemens@ravensbrück". Die Idee: Junge Auszubildende von Siemens gestalten in der Gedenkstätte Ravensbrück eine Projektwoche. Unterstützt von ihren Lehrern und dem pädagogischen Dienst der Gedenkstätte arbeiten sie im Archiv, studieren Quellen, besuchen und erkunden das Gelände, gehen ihren eigenen Fragen an die Geschichte nach und haben bei diesem Aufenthalt die seltene Gelegenheit, mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen ins Gespräch zu kommen. Die Ergebnisse der Projektwoche werden dokumentiert und medial aufbereitet.

Gerade die Begegnungen mit Zeitzeugen hinterlassen bei den Teilnehmenden eine große Wirkung, so zum Beispiel mit Irena Forslind, einer schwedischen Überlebenden: „Die Beziehung, die wir mit Irena entwickelt haben, war sehr persönlich und hat bewirkt, dass wir ihre und auch die gesamte Geschichte in Deutschland wahr genommen und besser verstanden haben“, schreibt Marianna in ihrem Erfahrungsbericht auf der Webseite des Projektes. Vor ihrem Besuch in Ravensbrück wusste sie die Eckdaten des Zweiten Weltkrieges. Aber sie waren abstrakt, erzählt Marianna: „In Ravensbrück kam es mir so vor, dass der Terror noch irgendwie lebendiger war. Mir ist klar geworden, dass es überhaupt nicht so lange her ist, wie ich früher gedacht hatte“.

Seit 2010 wurden regelmäßig Projektwochen organisiert. „Wichtig ist uns, dass die Jugendlichen ihre Erlebnisse gerade mit den noch lebenden Zwangsarbeiterinnen dokumentieren und sie mit anderen teilen“, sagt Wolfgang Walter. Sich der Geschichte zu erinnern, ist für den Metaller eine Voraussetzung für politisches Denken und Handeln. „Verortung zum Beispiel in Ravensbrück ist so elementar, weil wir darüber Geschichte auch emotional erfahren. Danach verstehen wir besser, warum Deutschland heute so ist wie es ist“, erklärt Wolfgang Walter.

Das Projekt hat inzwischen über Berlin hinaus Bekanntheit erlangt. Ausbildungsleitung und Personalvorstand bekennen sich dazu. "Vielleicht", so resümiert Wolfgang Walter etwas hoffungsvoll, "ist ja Ravensbrück dabei, für Siemens ein Synonym für die Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der Unternehmensgeschichte zu werden."


Dieser Artikel von Michael Netzhammer und Wolfgang Walter stammt von der Internet-Seite der IG Metall-Geschäftsstelle Berlin.


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