16.02.2017/ WW
Siemens-Betriebsrat der ersten Stunde

Am 15. Februar vor 40 Jahren starb Erich Lübbe, dessen Leben einer Zeitreise durch die deutsche Gewerkschaftsgeschichte gleicht. Der Mitbegründer der Hans Böckler-Stiftung steht auch für die erste Stunde der Betriebsratsarbeit bei Siemens.

Für den damals fünfundzwanzigjährigen gelernten Dreher endete der Militärdienst im Ersten Weltkrieg schon nach wenigen Monaten, denn Siemens reklamierte Fachkräfte für die Rüstungsproduktion. Im August 1915 wurde er, bereits mehrere Jahre im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert, im Berliner Dynamowerk eingestellt. Im Zuge der Novemberrevolution 1918 wählten ihn die Beschäftigten in den Arbeiterausschuss. Er wurde USPD-Mitglied, wechselt aber 1922 wie viele andere zur SPD.

Lübbe steht für die erste Stunde der Betriebsratsarbeit bei Siemens: 1920 wird er nach dem gerade verabschiedeten Betriebsrätegesetz zum Betriebsratsvorsitzenden des Dynamowerks gewählt, kurz darauf wird er der erste Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei Siemens.

Der Autodidakt bildete sich beruflich und gewerkschaftlich weiter, wurde Vorstandsmitglied der „Internationalen Gesellschaft zur Bestgestaltung der Arbeit“, Mitglied im Berliner Ortsvorstand des DMV und in den Hauptvorstand delegiert. Überdies war er ehrenamtlicher Arbeitsrichter und im Vorstand der Funktechnischen Vereinigung. Sein politisches Engagement führte ihn 1932 in den Reichstag, wo er am 23. März 1933 als SPD-Abgeordneter gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte.

1933 - 1945

Tage später kam es bei Siemens zur Besetzung der Betriebsratsbüros durch die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO). Lübbe wollte sein Büro selbst nach Androhung von Waffengewalt nicht verlassen und verbarrikadierte sich. Heftig Widerstand leistend, wurde er schließlich von vier Mann herausgetragen.

Trotz einem über Jahre gewachsenen und engen Verhältnis zum Firmenchef Carl-Friedrich von Siemens kündigte Siemens Mitte Mai sein Arbeitsverhältnis. Die Pogromstimmung in diesen Monaten des Umbruchs zwang ihn zum Untertauchen, er wechselte häufig seinen Aufenthaltsort innerhalb Deutschlands und blieb bis 1935 ohne Arbeit. Dann stellte ihn überraschend die Heliowatt AG in Berlin, die zum Siemens-Konzern gehörte, als Radiotechniker ein.

Lübbe hielt in diesen Jahren Kontakt zum sozialdemokratischen Widerstand um Max Urich, den ehemaligen Bevollmächtigten der Berliner DMV-Verwaltungsstelle. Das blieb der Gestapo nicht verborgen, aber ihm war nichts nachzuweisen.

Am 1. September 1939, dem Tag des Überfalls auf Polen, wurde er im Rahmen einer landesweiten Verhaftungsaktion vom Arbeitsplatz weg verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Jeglicher Widerstand gegen den Krieg sollte im Keim erstickt werden.

Zunächst zu Schwerstarbeit verpflichtet, wurde Lübbe von den Deutschen Ausrüstungswerken, einem SS-Betrieb, aufgrund seiner technischen Fertigkeiten in die Elektrowerkstatt versetzt, wo er Radiogeräte reparieren musste. Auch die Überwachung und Wartung der Lautsprecheranlage des Lagers wurde ihm übertragen; die damit verbundene Bewegungsfreiheit nutzte er zur Information über das, was "draußen" vor sich ging. Als sich die militärische Niederlage der Wehrmacht abzeichnete, stellte man im engsten Kreis von Sozialdemokraten konspirativ Überlegungen zur Zukunft Deutschlands an und traf alle Vorkehrungen, um zu überleben. Lübbe überlebte das Lager Sachsenhausen und auch den sogenannten "Todesmarsch" Ende April 1945.

Nachkriegszeit

In den ersten Nachkriegsjahren formierten sich Gewerkschaften und Parteien neu - geprägt durch die Weichenstellungen der Siegermächte, die auf eine Teilung Deutschlands hinausliefen. Für jeden einzelnen der politisch Aktiven hieß es, sich zu orientieren und die eigene Position zu finden. Am diffizilsten war die Situation in der Viersektorenstadt Berlin, was auch Lübbe zu spüren bekam: Im Sommer 1945 wird Lübbe Mitbegründer der IG Metall im Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB).

Als Sekretär des Landesverbandes Berlin der SPD vollzog er im April 1946 die Vereinigung mit der KPD und wurde in den Berliner Landesverband und den zentralen Parteivorstand der Sozialistischen Einheitspartei (SED) gewählt. Ab Herbst 1946 war er zudem Stadtverordneter und Leiter der städtischen Betriebe Berlin. Zunehmende Anfeindungen und Repressalien von kommunistischer Seite gegen ehemalige SPD-Mitglieder bewegten ihn zwei Jahre später, als Leiter zurückzutreten und alle SED-Parteiämter niederzulegen. Ende 1950 erklärte er seinen Austritt aus der SED und wurde 1951 wieder Mitglied der SPD.

Nach einer kurzen freiberuflichen Tätigkeit als „Mitarbeiter für Entgeltfragen“ bei Siemens wurde Lübbe noch 1951 zum Leiter der „Abteilung Mitbestimmung“ beim DGB Düsseldorf berufen. Ab 1958 bis zu seinem Ruhestand 1961 war er Geschäftsführer der „Stiftung Mitbestimmung“, heute bekannt als Hans-Böckler-Stiftung.

Im betagten Alter von 85 Jahren starb Lübbe am 15. Februar 1977 in Berlin. Menschen wie er haben den sozialen und demokratischen Rechtsstaat der Bundesrepublik maßgeblich aufgebaut. Wir haben ihnen viel zu verdanken.


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