07.04.2017/ JP
Siemens-Tagung der IG Metall Bayern 2017

Unter dem Motto "Beteiligung organisieren - Zukunft sichern" trafen sich am 6. April 2017 in Nürnberg über 85 Betriebsrats-, VK- und JAV-Spitzen aus fast allen Siemens-Standorten zur diesjährigen Siemens-Fachtagung der IG Metall Bayern. Neben den aktuellen Entwicklungen im Konzern stand diesmal das Thema "beteiligungsorientierte Interessenvertretung" im Mittelpunkt.

Andrea Fehrmann von der IG Metall Bezirksleitung Bayern machte den Auftakt

Über 85 Teilnehmer lauschten gespannt den Beiträgen

Das Podiumsgespräch mit Jürgen Kerner, Bettina Müller, Jens Prietzel, Mike Marthaler und Reinhard Hahn (v.l.n.r.)

"Beteiligung" - Impulse durch Markus Büchting vom IG Metall Vorstandsressort Strategische Veränderungsprojekte

"Beteiligung in Entwicklung und Engineering" mit Lisa Mongs (GS Erlangen), Reno Stublic (GS München) und Christian Pfeiffer (Siemens Erlangen G)

"Arbeitszeit beteiligungsorientiert gestalten" mit Stefanie Lengfelder und Anja Kellner (beide Siemens Amberg)

"Standortkonzepte unter Beteiligung der Beschäftigten entwickeln" mit Oliver Mauer, Oliver Sitzmann und Rainer Schmittzeh (alle Siemens Bad Neustadt)

"Junge Generation - Beteiligung und Ansätze" mit Rico Irmischer (Bezirksjugendsekretär der IG Metall Bayern) sowie Luisa Jauernig

Jens Prietzel vom Siemens-Team der IG Metall im Bezirk Bayern führte durch die Tagung

"Ausblick und Schlusswort" durch Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern

Gedenken an unseren Kollegen Martin Schönegger

Zu Beginn der Tagung gedachten die anwesenden Teilnehmer unserem erst vor wenigen Tagen nach kurzer und schwerer Krankheit verstorbenen Kollegen Martin Schönegger. Sichtlich bewegt fand Rudi Lutz als Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Nürnberg die passenden Worte. Er bezeichnete Martin als einen außerordentlich engagierten, klugen und sympathischen Menschen, einen überzeugten und überzeugenden Metaller, aber auch als einen Freund. Sein unerwarteter Tod war nicht nur im Nürnberger Trafo-Werk für Viele ein Schock; Martin hinterlässt bei uns eine große Lücke, er wird uns fehlen.

Aktuelle Entwicklungen bei Siemens aus bayerischer Sicht

Im ersten Tagungsblock begann die Kollegin Andrea Fehrmann vom IG Metall Bezirk Bayern mit einem Rückblick auf den massiven Personalabbau im LD-Bereich im letzten Jahr. Sie machte deutlich, dass dieser Konflikt symptomatisch für den zunehmenden Druck auf die gesamte industrielle Substanz in Bayern und ganz Deutschland gewesen sei, und es auch an anderen Siemens-Standorten derzeit gewaltig brodelt. Vor allem die deutschen Produktionsstandorte würden innerhalb der globalen Wertschöpfungsnetzwerke des Unternehmens in zunehmendem Maße der nackten Kostenkonkurrenz ausgesetzt, Fertigungskompetenzen und -tiefe immer häufiger in Frage gestellt. Um Standorte und Arbeitsplätze abzusichern, seien zukunftsorientierte Standortkonzepte, Investitionen, Personalkonzepte und eine effektive Absicherung der Leadrolle für Produkte und Fertigungsverfahren dringender denn je.

Mit dem IG Metall-Aktionstag „Ausbildung mit Perspektiven: Investieren statt Reduzieren!“ hätten auch die Auszubildenden und dual Studierenden von Siemens am 22. September letzten Jahres ein dazu passendes Zeichen gesetzt. Denn Qualifizierung und unbefristete Übernahme sind wesentliche Bestandteile einer umfassenden Zukunftssicherung.

Den von Siemens entwickelten „Campus Erlangen“ beschrieb Fehrmann als enorme Herausforderung für die IG Metall und ihre Betriebsräte. Angesichts von Größe und Struktur dieses künftigen Standorts stelle sich die Frage, wie hier Interessenvertretung effektiv und erfolgreich organisiert werden könne. Aus industriepolitischer Sicht könnten durch den Campus zusätzliche Potentiale für innovative Entwicklungsperspektiven in Bayern und ganz Deutschland generiert werden. Andererseits bestehen jedoch auch Befürchtungen, dass durch die enorme Zusammenballung wichtiger Entwicklungs- und Entscheidungsfunktionen die Innovationskraft aus den Produktionsstandorten in Deutschland regelrecht „herausgesogen“ werden und sich deren schwierige Situation somit weiter verschärfen könnte.

Podiumsgespräch zu Schwerpunkten

In dem anschließenden Podiumsgespräch erläuterten Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied sowie Reinhard Hahn als Unternehmensbeauftragter der IG Metall die Hintergründe und Gefahren der von Konzern-Chef Joe Kaeser jüngst angestoßenen Spekulationen über eine künftige Holding-Struktur des Siemens-Konzerns sowie die in der Wirtschaftspresse angedeutete Börsenpläne für Siemens Healthcare. Diese würden den Kapitalmarktdruck auf einzelne Geschäftsfelder noch weiter erhöhen, die Tendenzen zur Desintegration des Siemens-Konzerns weiter verstärken und letztlich auch auf Kosten der Mitbestimmung gehen.

Bettina Müller, Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss und Sprecherin des GBR-Verbindungskreis Bayern C ging in ihrem Statement vor allem auf die Bedeutung von Standort-Konzepten ein. Bisher ist die Entwicklung solcher Konzepte sehr unterschiedlich ausgeprägt, an manchen Standorten sei man hier bereits sehr weit, an anderen stecke man noch in den Anfängen. Betriebsräte und IG Metall müssten hier vor Ort eng zusammenarbeiten, um nachhaltig standort- und beschäftigungssichernde Ziele und Maßnahmen voranzutreiben.

Mike Marthaler, ebenfalls Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss sowie Sprecher des GBR-Verbindungskreis Bayern A, unterstrich in seinem Beitrag die enormen Chancen der aktuellen Arbeitszeit-Kampagne der IG Metall und hob dabei die Bedeutung eines beteiligungsorientierten Diskussionsprozesses hervor. So könne es gelingen, zu tarif- und betriebspolitischen Lösungen zu kommen, die zum einen der Vielfalt von Arbeitszeit-Bedürfnissen in den Belegschaften gerecht, zum anderen von möglichst vielen Beschäftigten mitgetragen würden.

Unter dem Stichwort „Ziele und Aufstellung der IG Metall bei den Aufsichtsratswahlen“ fasste Jürgen Kerner die wesentlichen Kriterien für den Kandidatenvorschlag der IG Metall noch einmal zusammen. Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Konzern sei eine geschlossene Arbeitnehmerbank, die das Unternehmen und seine Zukunft, aber auch organisationspolitische Belange möglichst weitgehend repräsentieren können, von strategischer Bedeutung. Deshalb werde den Delegierten der Wahlnominierungskonferenz am 18. Mai ein Gesamt-Personaltableau vorgeschlagen, das gerade unter diesen Gesichtspunkten ausgewogen ist.

Abschließend skizzierte Reinhard Hahn noch einmal die wesentlichen Arbeitsschwerpunkte des IG Metall Siemensteams. Diese orientieren sich zum einen an den strategischen Handlungsfeldern und Entwicklungen bei Siemens, etwa im Zusammenhang mit Qualifizierungsangeboten. Zum anderen liege ein Schwerpunkt in diesem Jahr auf der Unterstützung einer systematischen Mitgliederentwicklung im Rahmen einer Werbeoffensive durch zusätzliche unternehmensspezifische Kommunikationstrainings, Spicker-Karten, Web-To-Print-Angeboten usw.

Beteiligung als Chance für Betriebsratsarbeit

Die Möglichkeiten beteiligungsorientierter Interessenvertretung bildeten den diesjährigen Schwerpunkt der bayerischen Siemens-Tagung. Hierzu holte Markus Büchting vom IG Metall-Vorstandsressort Strategische Veränderungsprojekte die Teilnehmer mit einem kurzweiligen Impuls-Referat ins Thema und skizzierte mögliche Ziele, Stufen und Methoden für eine intensivere Einbeziehung der Beschäftigten in die betriebspolitischen Prozesse durch Betriebsräte und Vertrauensleute. Anhand erfolgreich angewandter Beteiligungsmethoden erläuterte er zum Beispiel die Durchführung einer Betriebsversammlung als "World Café" mit anschließenden Auswertungs- und Rückmeldeschleifen. Büchting empfahl den Teilnehmern jedoch, die vorhandenen Optionen von „Beteiligung“ und deren mögliche Konsequenzen bewusst zu reflektieren, bevor man in die konkret-praktische Anwendung von direkten Beteiligungsmethoden gehe. Er bot in diesem Zusammenhang den IG Metall-Geschäftsstellen sowie den betrieblichen Gremien die Unterstützung seines IG Metall Vorstandsressorts an, wenn es um die Planung und Umsetzung von Beteiligungsideen gehe.

Am Nachmittag hatten die Teilnehmer dann die Gelegenheit, sich anhand aktueller Themen und Fragestellungen in einem „Markt der Möglichkeiten“ selber über vorhandene Ansätze und Ideen von beteiligungsorientierter Interessenvertretung auszutauschen. Hierbei standen die Themenfelder Standortsicherung, Arbeitszeitgestaltung, Entwicklung und Engineering sowie die junge Generation im Mittelpunkt der Marktstände. Vorbereitet und durchgeführt wurden diese von betrieblichen und hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen, die hierzu ihre eigenen Praxiserfahrungen exemplarisch einbrachten und mit den Standbesuchern diskutierten.

Schlusswort durch den Bezirksleiter

Zum Abschluss verwies der Bezirksleiter der IG Metall, Jürgen Wechsler, noch einmal auf die bevorstehenden Bundestagswahlen und die damit verbundene Positionierung der Gewerkschaften im Interesse guter Arbeit und einer zukunftsfesten Alterssicherung. Er verwies auf die großen Herausforderungen für die zukünftige Entwicklung des Industriestandorts Deutschland, etwa im Zusammenhang mit der Digitalisierung oder der Elektromobilität. Zudem schlug er den Teilnehmern mit Blick auf die große Beschäftigtenbefragung der IG Metall vor, gemeinsam mit der zuständigen Geschäftsstelle für jeden Betrieb einen Plan für den weiteren Umgang mit den Befragungsergebnissen zu entwickeln. Mit Blick auf die kommende Tarifrunde, aber auch für die kommenden Betriebsratswahlen liefere die Befragung ein enormes Pfund, mit man wuchern könne.


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