09.11.2017/ HR
Hinter den Zahlen stehen Gesichter

Die Erschütterungen der Siemens-Welt nehmen zu: Abbau hier, Schließung dort, Kraftwerksgeschäft im Abwärtssog, Gamesa reduziert, Mobility fusioniert. Und doch verkündete Joe Kaeser am 9. November wie erwartet hervorragende Zahlen für das abgelaufene Jahr – während draußen sichtbar wurde, dass es nicht nur um Zahlen, sondern vor allem um Menschen geht.

Zwei Seiten einer Veranstaltung: Draußen ...

... und drinnen (Foto: www.siemens.com/ presse)

"Maximale Margen auf Kosten von Arbeitsplätzen: Was wird aus den Menschen?" war auf einem riesigen Transparent zu lesen, das Münchner Siemens-Beschäftigte auf dem Wittelsbacherplatz hochhielten, Nachdruck erhält die Frage durch 600 Fotos von Siemensianer_innen aus Betrieben in ganz Deutschland. Die Wirkung wurde nicht verfehlt: Viele der zur Bilanzpressekonferenz eilenden Medienvertreter_innen hielten an, um sich über die Kritik der Arbeitnehmerseite zu informieren.

Die Fotos, mittlerweile sind es über weit über 1.000, gehen seit einer Woche beim Siemens Team ein. Der Aufruf dazu war aus der Idee entstanden, der Unternehmensspitze und der Öffentlichkeit eine Tatsache vor die Augen zu führen, die allzu oft in den Hintergrund gerät: Zahlen kann man in Tabellen und auf PowerPoint-Folien verändern, verschieben, herunterrechnen und streichen – aber am Ende geht es immer um Menschen, die mitsamt ihrer Familie und ihrer Existenz für die Folgen den Kopf hinhalten müssen.

Wie erwartet hat Siemens seinen Nettogewinn mit knapp 6,2 Milliarden im Vergleich zum historisch guten Ergebnis im Vorjahr nochmals steigern können. Auch die operative Marge liegt mit über 11 Prozent insgesamt im dunkelgrünen Bereich, weshalb Siemens die Dividende um 10 Cent pro Aktie steigern möchte.

Eine kritische oder gar bedrohliche Lage ist also selbst mit viel Schwarzmalerei kaum herbeizureden. Umso unverständlicher, dass Joe Kaeser weiter unbeirrt wiederholt, für Power and Gas käme als Reaktion auf "sehr schwierige Marktverhältnissen und strukturelle Herausforderungen" nur eine Kapazitätsanpassung in Frage – "auch wenn das schmerzhafte Einschnitte bedeutet".

Aus Sicht der Betriebsräte und der IG Metall ist diese Planung keineswegs alternativlos. Sie fordern daher weiter von Siemens, statt dessen mit der Arbeitnehmerseite konstruktiv an einem Konzept zu arbeiten. Das übergeordnete Ziel muss aus ihrer Sicht sein, die betroffenen Standorte gemeinsam für die Zukunft in einem veränderten Markt aufzustellen – damit die Menschen nicht hinter einer optimierten Marge in den Hintergrund geraten.


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