17.11.2017/ SD
Am Tag danach

Den Tag nach Vorlage der Abbaupläne im Wirtschaftsausschuss prägen bei Siemens vor allem drei Dinge: Empörung über das Management, Protest und Widerstand gegen den Kahlschlag – und viel Solidarität sowohl untereinander, als auch von außen.

Offenbach

Görlitz (Foto: Nikolai Schmidt)

Leipzig

Viele Entwicklungen hatten bekanntlich bereits in den vergangenen Tagen begonnen und setzen sich jetzt, nachdem weitgehend Klarheit über die geplanten Einschnitte herrscht, konsequent fort. An zahlreichen Standorten gehen Betriebs- und Belegschaftsversammlungen mit deutlichem Protest einher, der in den kommenden Tagen wohl eher noch zu- als abnehmen wird.

Begleitet werden die Ereignisse von einem gewaltigen Widerhall in den Medien. Die Reihe von Kommunikationspannen der Unternehmensseite hatte das öffentliche Interesse frühzeitig angefacht. Jetzt brennt es im übertragenen, bei einer mahnenden "Feuerwachen" auch im wörtlichen Sinne.

Birgit Steinborn, die Gesamtbetriebsrats- sowie stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, erklärte am Freitag gegenüber der dpa ungewöhnlich drastisch, die Abbaupläne hätte "alle wirklich geplättet und geschockt". Sie wies auf frühere Bestrebungen der Arbeitnehmerseite hin, gerade mit Blick auf die Zukunft von Kraftwerks- und Antriebsgeschäft die Politik und das Management an einen Tisch zu holen – vergeblich, denn die Bereitschaft dazu sei immer erst da, wenn es zu spät ist. Jetzt sollen Betriebsräte und IG Metall ein weiteres Mal "Personalabbau abwickeln, und das machen wir nicht mehr mit. Wir sind nicht die reinen Abwickler von Personalabbau".

Vom Vorstand fordern sie nun ein erhebliches Umdenken und die Bereitschaft zu Kompromissen, betont Steinborn. Die Pläne in ihrer jetzigen Form jedenfalls, das hatte am Donnerstag auch Jürgen Kerner betont, sind für die Betriebsräte und die IG Metall nicht einmal eine Verhandlungsbasis.

Eine rote Linie sind auch etwaige Versuche, die Standort- und Beschäftigungssicherung zu untergraben oder gar zu kippen. Kerner hatte einen Bruch oder eine Kündigung mit der Absicht gleichgesetzt, die lange Phase konstruktiver Zusammenarbeit zu beenden; Steinborn bekräftigte gegenüber der dpa, von Janina Kugel nicht ausgeschlossene betriebsbedingte Kündigungen würden zwangsläufig zum "ernsthaften Zerwürfnis" führen.

Keinen leichten Stand wird die Arbeitsdirektorin kommenden Donnerstag wohl haben, wenn sie zum zweiten Tag der jährlichen Betriebsräteversammlung in Berlin erscheint. Der IG Metall-Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen hat für acht Uhr an diesem Tag zu einer Kundgebung vor dem Berliner Estrel aufgerufen, zu der mindestens 2.500 Siemens-Beschäftigten nicht nur aus den Standorten in Ostdeutschland erwartet werden.

Es bleibt abzuwarten, ob der massive Protest und heftiger Gegenwind aus der Politik ein Umdenken des Managements einleiten. Sollte es auf seiner aktuellen Position verharren, droht unter Umständen eine bislang nie dagewesene Situation bei Siemens, befürchtet Steinborn: Dann "weiß ich nicht, wie wir weiterkommen wollen".


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