05.01.2018/ SD
Verkehrte Welt

Besinnung über die Feiertage hatte man sich ja erhofft. Leider scheinen sich die dabei entstandenen Gedanken Joe Kaesers in die falsche Richtung zu bewegen: Wer gegen Abbau und Schließung kämpft, dem hält er Versagen als Sozialpartner vor.

"Siemens-Chef Joe Kaeser erklärt, was er gegen eine große Koalition hat, warum er die Grünen mag und wen er garantiert nie wählt. Außerdem fordert er 70 Prozent Spitzensteuersatz für Spekulanten." – so kündigte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" das Interview zu Silvester an.

Über die politischen Äußerungen kann man geteilter Meinung sein, zumindest die Idee zum Spitzensteuersatz klingt nicht verkehrt. Ob hingegen Jamaika wirklich "scheinbar konträre Interessen von Ökologie, Marktwirtschaft und Sozialpartnerschaft" zusammenzuführen könnte, sei dahingestellt.

Aus Beschäftigtensicht ist vor allem wichtig, was Kaeser zur Wirtschaft und speziell zur Situation bei Siemens zu sagen hatte. "Sozialpartnerschaft" ist in diesem Zusammenhang das zentrale Stichwort. Die "FAS" fragt angesichts der Abbaupläne trotz des Rekordgewinns von über sechs Milliarden Euro: "Verstehen Sie, dass Sie dafür als 'asozial' tituliert werden?"

Kaesers verneint vehement und schlägt dann den Bogen zum angeblichen Missbrauch seiner angeblich alternativlosen Pläne für eine angeblich "politische und klassenkämpferische Absicht".

Gemeint ist: IG Metall, SPD und vermutlich auch aufsässige Betriebsräte sind in Kaesers Welt schuld, dass es knirscht im sozialen Siemens-Gefüge. Dass Gesamtbetriebsrat und IG Metall seit Jahren eine Deutschlandstrategie fordern, um den Strukturwandel konstruktiv zu bewältigen, blendet er aus und stilisiert den selbst erzeugten Konflikt zum "Testlauf, wie die Sozialpartner es schaffen, den Wandel zu gestalten."

Die erstaunliche Umkehrung der Positionen wiederholt sich, wenn er die Schuld auf die "Unfähigkeit der Sozialpartner gute Lösungen zu finden" schiebt. Und sich dann auch noch als Verteidiger der Beschäftigten gebärdet, der "nicht hinnehmen" werde, das all das "auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird". 

Immerhin: Mit "Sozialpartner" meint der CEO nicht nur die Arbeitnehmerseite und erkennt, "das geht uns alle an". Unverkennbar bleibt trotzdem: Wer der Abbauargumentation nicht folgt, gehört für den Vorstandsvorsitzenden zu denen, "die über die Soziale Marktwirtschaft reden, ohne sie zu verstehen".

Aus Arbeitnehmersicht bestätigt sich durch diese verzerrte Darstellung erneut: Nur gemeinsamer Widerstand kann den geplanten Kahlschlag verhindern!


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