01.08.2018/ JP
Konzernleitung verkündet „Vision 2020+“

Unter dem Titel „Vision 2020+“ verkündete die Konzernleitung am Mittwoch Abend per Pressemitteilung ihr angekündigtes „Update zur strategischen Ausrichtung“ des Siemens-Konzerns. IG Metall und Gesamtbetriebsrat nehmen die Pläne zur Kenntnis und positionieren sich klar zugunsten des vernetzten Technologiekonzern Siemens.

(Siemens Pressebild)

Aus fünf mach drei
 
Im Wesentlichen bestehen die vorgestellten Planungen von Konzernchef Kaeser darin, aus den fünf noch verbliebenen Industrie-Divisionen künftig drei weitgehend autonom arbeitende Geschäftsbereiche zu formen. Ergänzend dazu sollen die unternehmensinternen Support- und Servicefunktionen durch eine neue, ebenfalls weitgehend eigenständig operierende Dienstleistungseinheit näher an das industrielle Geschäft gebracht und gleichzeitig deutlich kostensparender aufgestellt werden. 

Dazu kommen unter dem Konzern-Dach noch die drei bereits ausgegliederten strategischen Bereiche Siemens Healthineers, Siemens Gamesa Renewable Energy sowie - bis zum geplanten Vollzug des Zusammenschlusses mit Alstom - die Siemens Mobility, an denen Siemens jeweils die Beteiligungsmehrheit hält.

Zukunftsperspektiven im Wandel aufzeigen
 
In einer ersten Stellungnahme stellte Jürgen Kerner, Hauptkassierer und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Siemens AG zu den Unternehmensplänen fest: „Wenn Siemens sich neu aufstellt, sollte das vor allem mit dem Ziel nachhaltiger Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit geschehen. Eine Ausrichtung des Unternehmens auf die operativen Geschäfte ist richtig – wichtig ist dabei alle Mitarbeiter mitzunehmen und Ängste zu vermeiden.“
 
In die gleiche Richtung argumentiert auch Birgit Steinborn, GBR-Vorsitzende und ebenfalls Mitglied im Aufsichtsrat der Siemens AG, wenn sie darauf besteht, „dass die bestehenden Geschäfte weiterentwickelt, Wachstum geschaffen und die hervorragenden Kompetenzen der Belegschaft ausgebaut werden. Die Mitarbeiter erwarten gerade in Zeiten des Wandels verlässliche und zukunftsorientierte Perspektiven statt kursichtigen margenfixierten Um- und Abbau.“
 
Radolfzell, Tarifbindung, Mitbestimmung nicht verhandelbar
 
Ausdrücklich betonen IG Metall und Gesamtbetriebsrat in diesem Zusammenhang, dass Siemens seine Mitarbeiter auf dem Weg der Veränderung mitnehmen müsse, ohne dass sie Nachteile erleiden müssten. Insbesondere die Standort- und Beschäftigungssicherung „Radolfzell“ dürfe nicht angetastet werden, selbiges gelte auch für die Tarifbindung und Mitbestimmung. Um dies sicherzustellen, seien IG Metall und Betriebsräte als legitime Vertretung der Beschäftigten in den Prozess und die Gestaltung der Veränderungen uneingeschränkt einzubeziehen und an ihm zu beteiligen.
 
Deutliche Absage an Holding-Struktur
 
Vor dem Hintergrund der seit Monaten schwelenden medialen Spekulationen um die künftige Unternehmensstruktur erteilen IG Metall und Gesamtbetriebsrat einer etwaigen Holding-Struktur auch auf mittel- und langfristige Sicht eine klare Absage: „Für die Arbeitnehmerseite ist wichtig, dass die Neuaufstellung unter dem Dach der Siemens AG erfolgt. Den Weg in eine Holdingstruktur werden wir weiter nicht akzeptieren. Das Filetieren von Konzernen mit breitem Portfolio ist momentan zwar ein beliebtes Spiel der sogenannten Finanzmärkte, ein Unternehmen wie Siemens kann aus eigener Stärke agieren.“ so IG Metall-Vorstand Jürgen Kerner.
 
Marke und Identität dürfen nicht verloren gehen
 
So sollen nach dem Willen der Arbeitnehmervertreter die Geschäftsbereiche auch in Zukunft eine gesellschaftsrechtliche Einheit bilden, deren Teile trotz einer definierten operativen Teilautonomie zusammen auftreten und gemeinsame Ziele verfolgen. Hierzu die GBR-Vorsitzende Birgit Steinborn: „Die neue Ausrichtung darf nicht dazu führen, dass Marke und Identität von Siemens als vernetzter Technologiekonzern verloren gehen.“
 
Sogar "Handelsblatt" stützt Sicht der Arbeitnehmerseite
 
In der Tat folgen die gegenwärtig erkennbaren Aufspaltungen etlicher Konzerne wohl eher der Eigendynamik eines Trends bzw. den speziellen Interessenlagen kurzfristig orientierter Gewinnmaximierer auf den Finanzmärkten. Denn mit Blick auf die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens, das kurzfristige Marktschwankungen souverän kompensieren kann, sind solche Konzepte jedenfalls wirtschaftlich nicht wirklich überzeugend begründbar.
 
Das sieht offenbar sogar das - einer etwaigen Gewerkschaftsnähe relativ unverdächtige – "Handelsblatt" so, wenn es in seiner Ausgabe vom 27. Juni 2018 formuliert: „Eine zu starke Fokussierung kann für Unternehmen gefährlich werden - etwa, wenn ihnen im rasanten Wandel der Märkte das Kerngeschäft wegbricht und keine andere Sparte den Konzern auffängt. [...] Möglicherweise werden integrierte Konglomerate schon in zehn Jahren wieder als Idealkonzept gefeiert.“


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