Siemens Dialog der IG Metall
28.11.2018/ SD
Mensch vor Marge 4.0

Die Betriebsräteversammlung war 2018 erstmals seit längerem nicht durch eine akute Auseinandersetzung geprägt. Damit war der Kopf frei für die Konzentration auf grundlegende Zukunftsthemen.

Wie jeden November hatten sich über 500 Betriebsrät_innen und Gäste in Berlin getroffen, um zum einen auf das zurückliegende Jahr zurückzusehen - ein "Wahnsinnsjahr", wie die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Birgit Steinborn betonte. Zum anderen wurden zwei Tage lang auch die Weichen für künftige Herausforderungen gestellt.

Die vorhergehenden zwölf Monate, darüber herrschte Einigkeit, waren vor allem durch den Konflikt um die Abbau- und Schließungspläne bei PG und PD geprägt. Unter dem Strich endete dieser mit einem Erfolg, wenngleich an den betroffenen Standorten ein schmerzhafter Preis zu zahlen sein wird. Umso wichtiger die Forderung, die Steinborn an Arbeitsdirektorin Janina Kugel gerichtet zusammenfasste: "Wir brauchen einen Masterplan im Energiebereich und im Großmaschinenbau."

Dieser Konflikt, eine Tarifrunde mit einer fast schon revolutionären qualitativen Forderung, das Eckpunktepapier vom Mai mit dem richtungsweisenden Zukunftsfonds, der immer schneller Strukturwandel, Digitalisierung, Transformation und nicht zuletzt die neue "Vision 2020+" - man darf wohl in der Tat von einem "Wahnsinnsjahr" sprechen, das Betriebsräte und IG Metall gemeinsam mit den Beschäftigten bewältigt haben.

Diese Themen werden sich auch in die kommenden Monate weiter hineinziehen und eine zentrale Rolle spielen. Steinborn sprach von einer "Zeitenwende" in mehrfacher Hinsicht. Der Erste IG Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann stellte in seiner Ansprache am zweiten Tag der Versammlung die vielschichtige Initiative der IG Metall zur Bewältigung der Transformation dar und setzte sie in Bezug zu Siemens.

Das Siemens Team der IG Metall war wie immer mit einem Stand vertreten, hatte sich aber vor allem inhaltlich in der Vorbereitung und Durchführung mehrerer Foren am ersten Tag aktiv in die Veranstaltung eingebracht. Den bisherigen Team-Leiter und Unternehmensbeauftragten Reinhard Hahn verabschiedete die Versammlung mit anhaltendem, stehendem Applaus.

Sein Nachfolger Hagen Reimer wandte sich erstmals in dieser Funktion an die Versammlung und skizzierte die tiefgreifenden Veränderungen im Verhältnis zwischen IG Metall und Betriebsräten: "Zwischen die IG Metall und die Betriebsräte passt kein Blatt Papier – besser kann man unser aktuelles Verhältnis eigentlich kaum ausdrücken. Zusammenhalten und zusammen handeln, dieses Motto gilt nicht nur für die Betriebsräte, sondern meint heute praktisch automatisch auch die IG Metall. Wir sind also zusammen einen langen Weg gekommen."

Einen eher kurzen Weg war hingegen Joe Kaeser gekommen, der während der Aussprache mit der Arbeitsdirektorin unangemeldet erschien. Im selben Kongresszentrum nämlich veranstaltete der BDA zeitgleich seinen Arbeitgebertag, an dem neben der Bundeskanzlerin eben auch der Siemens-CEO teilnahm. Mangels Anmeldung wies ihn Versammlungsleiter Robert Kensbock auf die Möglichkeit einer normalen Wortmeldung hin - samt der üblichen Beschränkung der Redezeit. Kaeser nahm es gelassen und überschritt seine drei Minuten nur wenig, als er um Verständnis für seine Vision 2020+ warb.

Das Fazit nach zwei prall gefüllten Tagen, etlichen Ansprachen und zahllosen Diskussionen: Die Betriebsräte und die IG Metall gehen gemeinsam in die nächsten zwölf Monate, um den kommenden Herausforderungen zu begegnen. Ihre Leitbilder "Zusammenhalten, zusammen handeln" und "Mensch vor Marge" werden sie - gerade angesichts der Umwälzungen von Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 - weiter mit Leben erfüllen.


gedruckt am 11.12.2018 bei www.dialog.igmetall.de